Entstehungsgeschichte

 

Die Berührung des Körpers hatte in alten Zeiten eine spirituelle Dimension. Heute jedoch steht die physische Anwendung (z.B. Sportmassage)  bzw. das Bedürfnis nach „Wellness“ im Vordergrund. Damit wird dem ganzheitlichen Aspekt des Menschen mit seiner körperlichen, seelischen und geistigen Tragweite unzureichend entsprochen. Diese Dimension wurde in der anthroposophischen Medizin durch die Rhythmische Massage von Dr. Ita Wegmann (1876-1943) und Dr. Margarethe Hauschka (1896-1980) wieder aufgegriffen und durch die Massage von Dr. Pressel ergänzt und erweitert (1). Beiden gemeinsam ist das rhythmische Element, das unser Leben ordnet und sich im Ein- und Ausatmen, im Wachen und Schlafen, im Anspannen und Entspannen zeigt.

Simeon Pressel (1905-1980) hatte seine erste Massageerfahrung  im Schulalter (Schwedische Massage). Offensichtlich wurde bereits da der Impuls, selber massierend tätig zu werden, gelegt. Später erlebte Simeon  Pressel – wie sein ärztlicher Kollege Adalbert Graf von Keyserlingk in der Biographie von Simeon Pressel ausführt - beim Massieren des Vaters die “heilende Kraft seiner Hände“ (4) . Die Massagetätigkeit übte er ab 1933 in seiner Arztpraxis in Bayreuth aus. In dieser Zeit fand er auch über die Homöopathie und Naturheilkunde den Weg zur anthroposophischen Medizin und zur Anthroposophie. In seiner Kriegsgefangenschaft in Weißrussland baute er die Massage aufgrund der vorangegangenen Vertiefung in die Geisteswissenschaft (besonders die Ärztekurse) weiter aus. Dabei stellte er die starke Wirkung der Massage bei den Kameraden fest (5). Er bildete verschiedene Mitgefangene als Helfer aus, die gemeinsam mit ihm die heilende Tätigkeit der von ihm entwickelten Rückenmassage ausübten. Wie Keyserlingk weiter ausführt, konnte Simeon Pressel durch seinen inneren Heilermut während der ganzen Lagerzeit schwerste Krankheiten ohne medikamentöse Unterstützung  überwinden helfen.

Zurück in Deutschland siedelte er 1948 seine Praxis in Stuttgart an und wurde Schularzt an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe. Damit stand er einer neuen Herausforderung gegenüber, nämlich den kriegsgeschädigten Kindern wieder einen Erdenbezug zu vermitteln. So entstand im Wechsel zur Rückenmassage die Beinmassage (4).

In seiner Praxis setzte Simeon Pressel, laut Keyserlingk, die Massage u.a. als Mittel zu einer Art diagnostisch-therapeutischer  Intuition ein. Dabei nahm er über die Muskeln nicht nur die Krankheiten des Bewegungsapparates wahr, sondern auch die Krankheiten der tiefer gelegenen Organe. Er teilte seine Kraft durch seine Hände dem Lebenswillen der Patienten mit. Von entscheidender Bedeutung im Heilungsprozess war, nach Keyserlingk, die große Wärme und Toleranz, die er seinen Patienten entgegenbrachte. Sie wurde durch das Vertrauen belohnt, das diese  ihm schenkten.

Durch die Heirat mit Elisabeth van Schouwen (1958), die in der Rhythmischen Massage nach Dr. I. Wegmann und Dr. M. Hauschka ausgebildet war, bekam der Massageablauf neue Impulse. Ab 1975 gab Simeon Pressel seine Massagemethode in Ausbildungskursen weiter. Nach seinem Tod (1980) wurden diese Schulungen durch Elisabeth Pressel und die Ärztin Gretl Stritzel weitergeführt.

 

Wesen der Massage: Menschenkundliche Grundlagen

Der von Dr. Pressel entwickelte Ansatz  will den Menschen in seiner Gesamtheit erfassen und in eine menschengemäße rhythmische Ordnung bringen. Dies geschieht sowohl  auf hygienisch-salutogenetische (2), d.h. in krankheitsvorbeugender Weise, als auch auf therapeutische Weise. Mit den Worten der anthroposophischen Ärztin Gretl Stritzel (1912-2003) ist die Massage nach Dr. Pressel ein „Schicksalsgeschenk an die Menschheit aus der großen Not der Gegenwart“ (3). 

Die von Simeon Pressel erarbeitete Massageheilkunst ist in ihrem methodischen Ansatz die direkte Umsetzung des Konzepts der Dreigliederung des menschlichen Organismus. Dieses von Rudolf Steiner entwickelte Menschenbild bildet die Grundlage der anthroposophischen Medizin (9). Wie auch in der Waldorfpädagogik geht es in der spezifischen Anwendung dieser Massage um die Stärkung des Rhythmischen Systems (Herz- und Kreislauftätigkeit). Es wirkt als ausgleichende und somit heilende Kraft der beiden entgegengesetzten Pole: des Nerven-Sinnes-  und des Stoffwechsel-Gliedmaßen - Systems. Dieses auch in der Waldorf-Pädagogik veranlagte Ziel besteht zeitlebens für den Menschen als Herausforderung. Mit der Massage nach Simeon Pressel kann der Versuch, dieses Ziel zu  erreichen, vielfältig unterstützt werden. Pädagogik und Salutogenese reichen sich hier die Hand.

 

Die Massage setzt das Konzept Rudolf Steiners von der Dreigliederung des menschlichen Organismus direkt um: durch die Wadenmassage belebt sie den gegenüberliegenden Pol, das Nerven-Sinnes-System, mit seinem Zentrum im Kopf. Das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, das schwerpunktmäßig vor allem „im unteren Menschen“ zu Hause ist, wird durch die Arbeit an Armen und Rücken belebt. Der regelmäßige Wechsel zwischen den beiden Polen aktiviert das mittlere, Rhythmische System, im Brustkorb angesiedelt, wo sich Herz- und Atmungsbewegungen in rhythmisch-strömenden und Polaritäten ausgleichenden Prozessen vollziehen. Besteht unzureichender Ausgleich zwischen den beiden polaren Funktionssystemen, hat z.B. der Nerven-Sinnes-Pol die Überhand, können eine Reihe von Krankheiten auftreten, die mit Verhärtungen und Ablagerungen zu tun haben. Bei überaktivem Stoffwechsel-Gliedmaßen-System  herrscht ein Überschuss an Aufbauprozessen vor, welche  Entzündungsvorgänge und Wucherungen verursachen können. Die Tätigkeit des Rhythmischen Systems versucht durch seine  ureigenen Heilkräfte diese Tendenzen immer wieder.

 

Be-„hand“-lungsweise  und Effekte

 

Die Massage nach Dr. Pressel gliedert sich in zwei Teile. Zu Beginn der Behandlungsfolge werden Füße, Waden, Oberschenkel und die untere Rückenpartie massiert. Beim nächsten Massagetermin werden oberer Rücken, Arme und der Nacken behandelt. In diesem rhythmischen Wechsel der Behandlung des „unteren“ und „oberen“ Menschen liegt die Einzigartigkeit dieses Massagemodells. Fragt man die Patienten nach Abschluss der Massage, so kommen häufig Antworten wie „ich fühle mich wieder belebt“, „meine ewig kalten Hände und Füße sind ganz warm“, „mein Kopf ist wie befreit“, „ich bin besser geerdet und erlebe mich von neuem als Ganzheit“, oder „meine Beine sind ganz leicht“.

Was ist geschehen? Simeon Pressel beschreibt es in dem Sammelband seiner Aufsätze, dem Buch „Bewegung ist Heilung“ (6) veröffentlicht wurde. In der Massage wird ein Strömen in Bewegung gesetzt, welcher die jedem Menschen innewohnende Energie zu freiem Fließen  zwischen Kopf und Füßen anregt. Behandlungsziel ist es dabei, nach und nach Stauungen, Verdichtungen, Blockaden und Strömungshindernisse aufzulösen. Der individuellen Situation entsprechend wird die Massage als Belebung, Erneuerung und Durchwärmung empfunden oder als Entspannung und wohlige Müdigkeit, je nachdem ob viel ausgeschieden werden muss oder ob gleich Helligkeit und Frische die Seele erfüllt. 

Im Idealfall gestaltet der Patient den Gesundungsprozess aktiv mit. Patient und Therapeut gehen einen gemeinsamen Heilungsweg.

Griffqualitäten und Wärme

Die Massage nach Dr. Pressel kann durch die spezifische Be–„hand“–lungsweise zu einer Heilkunst werden. Der erfahrene Masseur verbindet sich mit dem Patienten individuell und modelliert in sorgfältiger, liebevoller und aufmerksamer Weise. 

Berührungsqualität wird zu Beziehungsqualität. Die sorgfältig bemessenen Bewegungen der massierenden Hand erreichen halb- und unbewußte Vorgänge der Atmung und Blutzirkulation. Dabei kommen die Urformen der Lemniskate und der sich entfaltenden Spirale zur Anwendung. Die  Lemniskate ermöglicht Ausgleich und Verbindung; die Spiralform erlaubt  immer neu impulsierende Belebung. Der Massierende arbeitet wärmend und umhüllend. So bringt die Massage zum einen die Ätherströmungen zum Fließen, zum anderen den Astralleib zum Ausgleich, der sich in Muskulatur und Organen einseitig festsetzt  (3).

In Anpassung an den jeweiligen Gesundheitszustand werden hochwertige Körperöle und Essenzen verwendet.

Die verschiedenen Qualitäten der Griffe, die den Planetenqualitäten nachempfunden sind, verweben und ergänzen sich und schaffen eine musikalisch-rhythmische Komposition, eine Partitur, die der Masseur zu beherrschen lernt. Zu der Bedeutung des Muskelorganismus als Instrument des Astralleibes hat der amthroposophische Arzt Florencio Herrero besonders geforscht (7).

 

Wie bei kaum einer anderen Massage kommt der äußeren Wärme (Wärmeflasche, Wollsocken und -decken, usw., belebendes Bürsten, wärmende Öle, rhythmisches Massieren) besondere Bedeutung zu. Die innere Wärme des Masseurs, der seinen Beruf liebt und enthusiastisch ausübt, tut ein Übriges. Seine Wärme und geistige Präsenz können die Ich-Kräfte des Patienten – und das sind Initiativ- und Mutkräfte – wachrufen und stärken. Daran dachte Simeon Pressel, als er davon sprach, dass diese seine  Massage eine „michaelische“ sein will (8). 

 

Organ-Einreibungen

In Anlehnung an die Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegmann kann im Anschluss an  die jeweilige Behandlung , d.h. Bein-, bzw. Rückenmassage, eine Ergänzung durch eine Massage der Organe (Leber, Herz, Milz und Blase) stattfinden. Somit wird eine Vertiefung  in der bereits durch die Massage angelegten Belebung und Harmonisierung  erreicht.

Salutogenetische Auswirkungen und therapeutische Heilungsmöglichkeiten

 

Die Massage nach Dr. Pressel wirkt auf den Menschen in seiner Gesamtheit.

Empfindungen von gestärkter Vitalität können direkt im Anschluss an die Massage sowie auch in den darauffolgenden Tagen erlebt werden. Der Masseur überträgt gewissermaßen ein Urbild von Gesundheit in Form eines Modells auf den Muskelorganismus und indirekt auf die inneren Organe (7). Durch  eine kontinuierliche Massagebehandlung (einmal wöchentlich über 2 bis 3 Monate) wird ein Weg zur körperlichen und seelischen Gesundheit in Zusammenhang mit einer größeren geistigen Präsenz eingeleitet. 

 

Mit der Beinmassage kann eine bessere Verarbeitung von vergangenen und gegenwärtigen schwierigen Schicksalssituationen einhergehen. Die in die Muskulatur eingeprägten Lebenserfahrungen können befreiende Impulse empfangen. Durch die Belebung des Rückens kann eine Öffnung für die Zukunft möglich werden (7). Damit berührt die Massage die Schicksalssphäre des Menschen, wo Neues geschehen kann. 

 

Besonders im hygienisch-salutogenetischen Bereich kommt der Massage ein großer Stellenwert zu. Hier hat sie einen positiven Einfluss u.a. bei vegetativen Dysfunktionen, bei unausgeglichenem Wärmehaushalt, bei Verdauungsproblemen, bei Schlafstörungen, chronischer Müdigkeit, Stress oder auch bei Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Verspannungen und Stauungen infolge einseitiger Arbeitshaltungen. 

 

Medizinisch-therapeutisch sind die Einsatzmöglichkeiten der Massage vielfältig und werden mit dem behandelnden Arzt abgesprochen: bei chronischen Erkrankungen des Stoffwechsels, bei Herz-und Lungenkrankheiten, in der Onkologie wie auch bei Allergie, Immunschwäche, Suchtkrankheiten (auch Anorexie und Bulimie), sowie bei Erkrankungen des Bewegungsapparates.

 

Im Seelischen wirkt die Massage aufbauend bei depressiven Verstimmungen. Sie erleichtert die Verarbeitung von traumatischen Ereignissen, wirkt hilfreich begleitend  in der Palliativmedizin wie auch unterstützend in der Psychosomatik und Psychiatrie. In heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Lebens- und Tätigkeitsbereichen können die betreuten Menschen durch die Massage nach Dr. Pressel besondere Förderung erfahren.

 

Die Massage ist in allen Altersklassen anwendbar.

 

Wenn Kinder zur Massage kommen, so ist vor der Pubertät nur ein wärmend-pflegendes Einhüllen angebracht, um  Reifeprozesse zu fördern und die heilende Ordnung durch behutsame Massagegriffe in kindgerechter Weise zu ermöglichen (5).

Häufig sind Jugendliche in ihren verschiedenen  Entwicklungsphasen sehr dankbar für diese besondere Massage, da sie, inneren Kräften und von außen kommenden Einflüssen ausgesetzt, für sich selbst und für die Familie besonders anstrengend sind. Die Massage, die zutiefst ordnend und klärend wirkt, hilft ihnen, mutvoll freudig mit ihren neuen Erfahrungen umzugehen (3).

 

Ältere Menschen erfahren die Massage als besonders belebend und aufbauend.

Literatur-angaben

(1) Hauschka, Margarethe: Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegmann. Menschenkundliche Grundlagen, Margarethe Hauschka-Schule, Bad Boll.

(2) Die Salutogenese beschäftigt sich mit der körperlichen, seelischen und geistigen Vorbeugung von Krankheit und der Stärkung der Gesundheit. Dieser in der Medizin neue Ansatz geht auf Aaron Antonovsky (1923-1994) zurück, der den Ausdruck als komplementären Begriff zur Pathogenese schuf. 

(3) Stritzel, Gretl: Die Strömungsmassage nach Dr. Simeon Pressel; in: Der Merkurstab, Heft 6, 2007, S. 560-565 

(4) Keyserlingk, Graf Adalbert von: Simeon Pressel; in: Selg, Peter: Anthroposophische Ärzte. Lebens- und Arbeitswege im 20. Jahrhundert, Verlag am Goetheanum, 2000

(5) Pressel, Elisabeth: Massage nach Dr. Simeon Pressel; in: Der Merkurstab, Heft 1, 2007, S. 45- 49 

(6) Pressel, Simeon: Bewegung ist Heilung. Verlag Freies Geistesleben, 2007

(7) Herrero, Florencio: Indikation, Durchführung und Wirkung der Massage nach Dr. Simeon Pressel; in: Der Merkurstab, Heft 2, 2013 (als pdf)

(8) Stritzel, Gretl: Brevier zur Heilmassage nach Dr. Simeon Pressel. Unveröffentlichtes Manuskript, Wackersberg, 2000 

(9) Rudolf Steiner kommt bei seinen geisteswissenschaftlichen Forschungen  über den Menschen zu der Erkenntnis, dass er vier sogenannte „Wesensglieder“ besitzt, 

- den physischen Leib, der nur aus Materie besteht,

- den Ätherleib, das ist die lebendige Organisation aller Lebenskräfte 

- den Astralleib, unser Empfindungswesen und

- das Ich, die geistige Persönlichkeit.

 

Um gesund zu sein, müssen sich diese 4 Ebenen mit ihren spezifischen Eigenschaften gegenseitig durchdringen und in einem bestimmten Gleichgewicht sein.

 

Ihr Zusammenwirken unterteilt Rudolf Steiner in ein dreigliedriges Funktionssystem des menschlichen Organismus:

 

- das Nerven-Sinnes-System (Träger des Denkens)

- das Rhythmische System (Träger des Fühlens)

- das Stoffwechselsystem (Träger des Wollens)

 

Im Idealfall agieren diese drei funktionellen Einheiten in Harmonie. Durch das Ungleichgewicht dieser System, z.B. durch das Vorherrschen eines der System, z.B. zu starke Stoffwechselprozesse bei Entzündungen, entstehen Krankheiten. So die Sichtweise der anthroposophischen Medizin. 

Letztere sieht sich als komplementäre Hilfestellung und sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin. Selbstheilungskräfte und Eigenverantwortung werden angeregt, begleitet von medikamentösen Heilmitteln (potenzierte Pflanzen- und Metallpräparate), künstlerische Therapien wie die Heileurythmie, Sprachgestaltung, Mal- und Musiktherapie. Darüberhinaus werden äußere Anwendungen gepflegt, wie Wickel, Auflagen, Bäder und nicht zuletzt Massagen: die Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegmann und die Massage nach Dr. Simeon Pressel.

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